Eindrücke vom VDW & ASPO Workshop am 24.10 in Berlin

Am 24.10 fand in Berlin ein Workshop der Vereinigung der Deutschen Wissenschaftler (VDW) und der Assosiation for the Study of Peak Oil (ASPO) Deutschland zum Thema ‚Umbrüche – Turbulenzen bei Öl und Gas‚ statt. (Update: Nun hat auch der VDW die Präsentationen vom Workshop online).

Der Workshop war gut organisiert (sogar veganes Chilli und vegan belegte Brötchen!) – die Vortragenden hatten allesamt interessante und spannende Vorträge und das Publikum interessante Fragen und Anmerkungen bei zusteuern. In meinem kleinen Bericht hier versuche ich ein paar Eindrücke wieder zu geben – er ist in keiner Weise vollständig, da ich dafür zu wenig Notizen gemacht habe (und ein Artikel über den Workshop anfangs auch nicht mein Anliegen war).

Zum Programm

Der erste Vortragende den ich unbedingt einmal ‚Live‚ sehen wollte war Ugo Bardi mit seinem Vortrag zum Senecal Cliff: ‚Conventional Oil Supply  – The Impending Seneca Cliff‘ in Verweis auf sein demnächst erscheinendes Buch.

Bardi wies in diesem Zusammenhang auf die Ressourcensituation hin und das ein (Anm.: Seiner Ansicht nach möglicher) Umbau zu einer Energiewirtschaft die zu 100% auf erneuerbaren Energien basiert massive finanzielle aber auch materielle Investitionen (ca. 5% der globalen Ressourcen) benötigen würde. Dabei wäre dann das  Ziel einer 2000 Watt Gesellschaft – also einer Gesellschaft in der wir in Deutschland ca. nur noch 1/3 der Energie pro Person (oder weniger) verbrauchen dürften – erreichbar (Anm.: Man sollte sich aber keine Illusionen machen, was bei 2000 Watt pro Person alles nicht mehr möglich ist. So wären denn auch die (massiven) finanziellen Investitionen in die EE gleichzusetzen mit einer Re-Allokation der Ressourcen – Verzicht hier, heute, jetzt und sofort – damit die nächste Generation eine Chance hat).

Leider wurde gerade das Thema (energetischer) Verzicht zur Lösung der energetischen Problematik in den folgenden Vorträgen nicht weiter thematisiert (Anm.: ich denke, das es nicht ohne diesen gehen wird, also die erneuerbaren nicht in der nötigen Zeit, wenn überhaupt,  mehr Output liefern können).

Wer mehr von Bardi lesen oder hören möchte, der schaue auf seinem Blog Cassandras Legacy oder bei den Videos vom Collapse Cafe nach, bei dem Herr Bardi zumindest früher (oft zusammen mit Gail Tverberg) ab und zu teilgenommen hat.

Der zweite Vortrag war von Dr. Werner Zittel zum Thema ‚Verlängerung des fossilen Zeitalters? – Perspektiven der unkonventionellen Öl- und Gasförderung‚.

Das Fazit aus diesem interessanten Vortrag, der die Fördersituation bei Fracking, Shale-Oil & Co sowie die finanzielle Situation der großen Ölkonzerne beleuchtete, war das:

  • der (aktuelle) Ölpreis nicht kostendeckend für die meisten Ölfirmen ist
  • Investitionen in langfristige Projekte gestoppt werden
  • Renditen massiv zurückgegangen sind
  • die Dividendenzahlungen aber steigen bzw. fast konstant bleiben
  • und deswegen die Verschuldungen massivst ausgedehnt werden
    • z.B. bei Shell von 60 auf 90 Milliarden $ in 2015
    • Pemex, Shell, BP und Exxon haben zusammen fast 400 Milliarden $ Schulden – eine Verdopplung seit 2010

Zittels Resümee war denn auch: Die Öl- und Gasbranche ist auf Crashkurs!

Nebenbei merkte Zittel auch an, das seiner Ansicht nach die Weltwirtschaft definitiv nicht auf einem Wachstumskurs befindet – was u.a. auch die Nachfrageschwäche beim Öl und den damit verbundenen Preisrückgang erklärt. Eine Angebotsreduzierung einzelner Produzenten sei aber auch nicht möglich – da alle laufende Kosten, Zinszahlungen, etc. pp. zu bedienen hätten. So seien Sie indirekt sogar noch zur Steigerung der Produktion gezwungen.

Selbst bei kurzfristig steigenden Ölpreise sei zudem auch eine Ausweitung der Ölförderung (Anm.: Welche die Versorgung in der Zukunft sichern würde) nicht zu erwarten – da die langfristigen Investitionen gerade erst reduziert wurden. Zum Thema Gas sieht er nicht das die russische Förderung noch ausgeweitet werden kann, wobei zu beachten ist das die (West-)europäische Förderung schon seit Jahren auf dem Rückgang ist (Anm.: Jeder mag sich die Konsequenzen hiervon selber ausmalen).

Nach der Kaffeepause trug Prof. Dr. Martin Jänicke zum Thema ‚Umbrüche in China mit globalen Wirkungen – Perspektiven der fossilen Kohle und der erneuerbaren Energien vor.

Dieser Vortrag war für mich sehr interessant, da er als Insider die Situation in China bedeutete. So wies Jänicke als (ehemaliger) Berater der Chinesischen Regierung darauf hin, das in China sich die Beziehung zum Kohlestrom in den letzten Jahren massiv geändert hat. Wo Anfang der Dekade die Kohleindustrie sakrosankt war, hat sich aufgrund der Umweltsituation, aber auch auf Basis der begrenzten Reichweiten von Kohle in China gemessen am aktuellen Konsum einiges geändert.

China hat für neue Kohlekraftwerke Umweltstandards eingeführt die deutlich über den deutschen bzw. der der USA liegen, zudem sind Effizienzvorgaben – auch für die alten Kraftwerke – entstanden (310-315g Kohle pro KW/h) und einige (sehr) ineffiziente Kraftwerke wurden bereit geschlossen. Weiter soll eine Mehrwertsteuer für Kohlegewinnung eingeführt werden und die Höchstverbraucher werden mit Aufschlägen auf Ihren Energieverbrauch belegt (Anm: Anstatt wie in Deutschland entlastet zu werden).

Was vor ein paar Jahren noch galt: Ein neues Kohlekraftwerk pro Woche geht an das Netz – hat sich inzwischen Umgekehrt: Netto wird die Kohlekraftwerkskapazität abgebaut.

Zudem investiert China massivst in die erneuerbaren Energien, wobei aktuell aber der Netzausbau kaum hinter herkommt – es passiert dort also einiges! Insofern muss der gesunkene Kohlekonsum also nicht mit einen wirtschaftlichen Einbruch gleichgesetzt werden – sondern er ist (geplant) nach politischen Vorgaben erfolgt. Das es mit dem Energiekonsum munter weiter geht zeigt sich denn auch daran, das alle anderen fossilen Energieträger (u.a. Öl und Gas) im Verbrauch zulegen.

Als vierter Vortragender war dann der VDW Vorsitzende Prof. Dr. Hartmut Graßl mit dem Thema ‚Turbulenzen bei Windkraft und Solarenergie am Start.

Herr Graßl wies eingangs darauf hin, das das Paris-Abkommen (Klima) ab dem 4.11 völkerrechtlich verbindlich wird (hier u.a. auch eine Meldung dazu: https://www.br.de/klimawandel/klimaabkommen-paris-protokoll-klimapolitik-klimawandel-102.html) und um diese Ziele zu erreichen insb. Erdöl und Kohle, aber auch Erdgas, überwiegend in der Erdkruste verbleiben müssen. Um das 1,5 Grad ziel zu erreichen müssten wir dann bis 2050 ohne fossile auskommen, bei einem 2 Grad Ziel bis 2075. Das heißt dann aber nicht bis 2050/75 den Status-Quo aufrechterhalten – sondern es müsste sofort mit der Reduktion begonnen werden, welche dann 2050/75 final abgeschlossen wäre.

Graßl erläuterte einiges zum Hintergrund von Paris und merkte aber auch an, das das Spiel um das was Paris bedeutet nun erst begonnen hat – weil dieses sehr gewichtige Interessen bedroht (Anm.: Mit einer konsequenten Umsetzung würden die Ressourcen und Reserven von den fossilen Energiekonzernen und damit auch Ihre Bilanz- und Vermögenswerten einen herben Schlag bekommen).

Danach ging Graßl insb. auf die Perspektive der (On-Shore) Windkraft ein, welche aufgrund des Windpotentials eher begrenzt ist (u.a. auf Kanadische Ostkünste, England, Dänemark, Norddeutschland und Neuseeland – siehe auch Miller, 2011, Grafik auf Seite 4). Zudem können Windparks auch ‚überbaut‘ werden und haben einen Einfluss auf das Klima.

Als Fazit (aus Sicht eines Physikers und Politikberaters) ist für Graßl die Energiewende nun unumkehrbar eingeläutet. Dabei wird

  • im globalen Maßstab die zentrale Stütze langfristig die Sonnenenergie sein (müssen)
  • Bioenergie und Geothermie nur einen kleinen Beitrag liefern
  • Kohle und Erdöl früher die Bildfläche verlassen als Erdgas
  • Gasspeicher noch entwickelt werden müssen (Anm: Speicherung von Überschussstrom)
  • und das Energienetz muss dabei ein (Anm: Gesamt-) europäisches sein, da eine Autarkie von kleineren Regionen ‚Traum‚ ist.

Leider hat Graßl sich nicht dazu geäußert was der Umbau auf EE (Anm.: wenn er überhaupt realistisch bzw. machbar ist) für Folgen hätte, bzw. welches energetische Niveau erreicht werden könnte. Dies merke ich deswegen an, da selbst der Vorredner Ugo Bardi davon ausgeht, das das erreichbare energetische Niveau für die OECD-Staaten deutlich unter dem jetzigen liegt. Für Graßl stand meines Erachtens der Klimawandel im Vordergrund – faktisch ein Handlungszwang um die totale ökologische (Klima-)Katastrophe zu vermeiden, die uns andernfalls die Lebensbasis entziehen wird.

Der letzte Vortragende war dann Herr Dr. Anselm Görres mit seinem Vortrag ‚Umbrüche bei Öl und Gas – Neujustierung und Folgerungen für die Energiepolitik, Klimaschutz und Wirtschaftspolitik, der auf seinem Essay in der Süddeutschen ‚Mehr Mut bitte‚ basierte auf das ich den interessierten Leser verweisen mag.

Den Vortrag von Herrn Görres fand ich sehr gut und motivierend, wobei ich als Kritik  anmerken möchte das Herr Görres eine Veränderung in Richtung Verzicht (Postwachstumsökonomie oder z.B. eine 2000 Watt Gesellschaft) aber verneint hatte und selber auf eine grüne (Anm.: Wachstums-) Ökonomie setzt. Schade, denke ich, denn der Vortrag war Super, Motivierend und anspornend, verkennt meiner Ansicht aber (gewollt oder ungewollt) vollkommen die energetische Situation in der wir uns befinden.

Fazit

Eine rundum gelungene Veranstaltung & Ich hoffe das der VDW bzw. die ASPO auch noch Videos von den Vorträgen auf Ihrer Webseite verfügbar macht. Denn es wäre schade wenn das Wissen, das die Vortragenden mit viel Herzblut und oft auch Witz und/oder Emotion vermittelt, nur einen kleinen Kreis von ca. 50 (bereits wissenden) Menschen erreicht haben würde.

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Ein Kommentar zu Eindrücke vom VDW & ASPO Workshop am 24.10 in Berlin

  1. hc sagt:

    Spannend auch noch Folie 15 von Zittel bez. der Erdölreserven: http://www.vdw-ev.de/wp-content/uploads/2016/11/2016.10.24_Pr%C3%A4sentation_Werner-Zittel_web.pdf

    Die Saudis haben die meisten (Nr. 1) und bei Kanada (Nr. 2) und Venezuela (Nr. 3) sind es fast nur Schwer(st)öle und Teersände – welche in Zukunft fast komplett weg fallen könnten (da sie schon jetzt Netto-Energie-Negativ sein dürften).

    Wenn man dann auf Seite 41 schaut relativieren sich selbst Russlands Gasreserven – da das meiste Schiefergasreserven sind.

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