ETP-Modell: Weshalb fällt der mittlere Rohölpreis seit 2008 ? oder: Thermodynamik der Ölförderung (von Berndt Warm)

Ölpreis als Funktion der Zeit. Bild: Berndt Warm

Anbei, nach langer Zeit, ein neuer Artikel von Berndt Warm zum ETP-Modell.

Ich veröffentliche ihn, obwohl ich selbst gewisse Verständnisprobleme dazu habe und nicht alles nachvollziehen kann – inbesondere die Anwendung des 2ten Hauptsatz der Thermodynamik in Bezug auf das Temperaturgleichgewicht bei der Ölförderung auf das Berndt noch dediziert in seiner Präsentation eingeht.

Das ganze Thema ist eines, was mich vor 2-3 Jahren deutlich bewegt hat. Warum? Weil das ETP-Modell nahelegt, das es mit dem (gemittelten) nettoenergetischen Beitrag der Ölproduktion zur Weltenergieversorgung in 1-2 Jahren (2021-22) vorbei ist. Und  2022 ist ziemlich gleich…

Klar – die ein oder andere Ölquelle gibt noch leicht zu förderndes Öl her – keine Frage. Im Schnitt aller Ölquellen – und auch neu zu erschließender Ölquellen ist dieses nach dem ETP-Modell jedoch nicht mehr der Fall. Dabei sind jedoch die energetischen Aufwände Aufwände – dem ETP-Modell und seinen Verfechtern nach – nicht allein beim Produzenten zu suchen und fallen auch nicht immer dort ins Gewicht.

Wo nun die Wahrheit liegt – oder ob das ETP-Modell überhaupt eine Basis hat – das zu beurteilen überlasse ich den Leser hier.

Hier gibt es den neuen Foliensatz von Berndt zum Download V80 (Jan_2020):

Weshalb fällt der mittlere Rohölpreis seit 2008 ? oder: Thermodynamik der Ölförderung

Und falls es irgend jemand interessiert: Hier noch die originalen Überlegungen der so-genannten ‘The Hills Group’ zum ETP-Model.

Kurz zu meinen eigenen Vorbehalten

Gefühlsmäßig halte ich Bernds Überlegungen für zutreffend – zumindest im großen und ganzen. Ich selbst habe einige Diskussionen mit Berndt darüber geführt, jedoch sind mir noch folgende Punkt nicht ganz klar:

  • A) Wenn “die Weltwirtschaft” für den Energieaufwand zur Temperaturänderung als Folge Ölförderung aufkommen muss, muss jemand konkret:
    • diese Energieaufwände in seinen Bilanzen haben.
    • jemand diesen Energieausgleich technisch bewerkstelligen.

Mein Einwand: Wo sind die Beweise, dass der Energieaufwand durch die Ölförderer erbracht wird bzw. erbracht werden muss? Ich stelle aktuell in Frage, das Mensch durch Einsatz von Primärenergie für (kompletten) den Wärme-Energieaufwand des ETP-Models aufkommen muss.

  • B) Ohne solche Daten halte ich es für wahrscheinlicher, dass der Großteil des Wärme(ausgleichs)energieaufwands durch die Umgebung passiert und
    • halte es für unwahrscheinlich, dass dieser Aufwand beim technischen Akt der Ölförderung geschieht.

Meine These ist also: Der Wärme(ausgleichs)energieaufwand geht nur sehr begrenzt zulasten der Menschen, sondern zulasten anderer Energiequellen in der Umgebung.

  • C) Deshalb gehe ich aktuell nicht davon aus, dass sich der Wärmeenergieaufwand (den Berndt noch in seiner Präsentation anspricht) im relevanten Maßstab in den realen Kosten der Ölförderer niederschlägt. Also:
    • nicht stark in den energetischen,
    • und auch nicht in den monetären Kosten.

Kommentare von Bernd zu meinen Vorbehalten

Bernd hat meine Kommentare und Einwände dann folgend beantwortet – wobei dem ganzen ziemlich ausführliche und sehr konstruktive Schriftwechsel + Telefonate voraus gingen.

Zu A): Den vollständigen Energieaufwand muss niemand in seiner Bilanz haben:

  • Die Raffinerien nicht, die müssen nur mit Gewinn arbeiten.
  • Die Subventionen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, die sich sonst keine Heizung/Benzin leisten können, hat der Staat in seinen Bilanzen.
  • Infrastrukturkosten für Ölhäfen usw. haben auch Staaten in ihren Bilanzen.
  • Ausbildung für Autobauer/Spezialisten zur Ölförderung hat auch keine Ölfirma in den Bilanzen.

Beweisbar durch: Nur Prozesse, bei denen die Entropie zunimmt, können von allein ablaufen, der Rest braucht Energiezufuhr.

Zu B): Der technische Akt der Ölförderung verändert die Erdtemperatur. Deswegen muss bei diesem Akt die Energie zur Temperaturänderung aufgebracht werden. Punkt.

Zu C): Ich habe nie behauptet, dass die Ölförderer für den Aufwand aufkommen müssen, es ist die Weltwirtschaft. Und was den Ölpreis beschränkt,

  • ist das Zahlungsvermögen der Weltwirtschaft.
  • Das geht nun mal gegen Null, wenn bei Ölförderung keine Nettoenergie übrig bleibt.

Man zahlt doch nicht für etwas, von dem man nichts hat.

Zum Abschluss schreibt Bernd noch:

“Es besteht ein gewisses Risiko, dass ich recht habe. Alle gezeigten Diagramme widersprechen meinen Betrachtungen nicht, sie bestätigen sie. Die Folgerungen aus meinen Betrachtungen sind gravierend. Jeder sollte sich überlegen, wie viel Risiko für ihn tragbar ist.”

Meine Anmerkungen zu Berndts Anmerkungen

Ich verstehe Bernds Aspekte zu A) zwar sehr gut – also die viele versteckte Kosten und direkten und indirekten Subventionen – mir ist jedoch nicht der Bezug zum Ausgleich des thermischen (Un-)Gleichgewichts durch die Ölförderung innerhalb der Erde klar. So wie ich das ETP-Modell verstehe wird ja Wärme nach ‘oben’ gefördert, das Erdinnere kühlt ab – und muss irgendwie aufgewärmt werden. Wie nun die Intrastrukturkosten für Ölhäfen das Erdinnere Aufwärmen ist mir nicht ganz klar 😉

Bei B) stimme ich zu – bin jedoch der Meinung das hier auch natürliche Prozesse in Bezug auf den Temperaturaugleich wirken – also nicht alles an Energie im Sinne von ‘technischer bzw. Prozess-Energie’  vom Menschen bzw. dem Förderer aufgebraucht werden muss.

Zu C) mag ich anmerken, das Öl in seiner Versatilität für die Weltwirtschaft (-> einfach zu lagernder und einzusetzender Energieträger und dabei gleichzeitig auch Speicher) wichtiger ist, als der reine Energiewert des Öls. Insofern könnte die Ölproduktion (in Grenzen) auch energetisch, z.B. durch Kohle und Erdgas, subventioniert werden. Zudem sehe ich, das die Weltwirtschaft die Ölförderung, zumindest Zeitbeschränkt, energetisch subventionieren kann. Dieses kann erreicht werden durch:

  • Vernachlässigung von Infrastruktur-Erneuerungen (energetische Kanabalisierung).
  • Verschiebung von (monetären) Lasten durch (fast) Null-Zinsen in die Zukunft.
  • Vermehrte Nutzung von Energieträgern mit hohem ERoEI (Kohle, Gas)
    • für solange es eben geht…

 

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